Heimatortsgemeinschaft Kleinscheuern e.V. Home | Kontakt | Impressum

Reise nach Siebenbürgen 2007

Auf Wunsch der HOG-Mitglieder organisierte der Vorstand nach vier Jahren erneut eine Reise in die alte Heimat. Nach tagelanger Vorfreude der Beteiligten war es am 28. April 2007 um 4 Uhr in der Früh endlich soweit. Von Steinheim über Heidenheim und Augsburg sammelte der Reisebus die Teilnehmer und brachte sie rechtzeitig nach München zum Flughafen. Für einige von uns war es der erste Flug überhaupt und alle waren voller Aufregung.

Die erste Hürde, die genommen werden musste, war die Gepäckabgabe am Schalter. Wie man weiß, gibt es unter uns viele mit gleichem Namen und wie es nicht anders zu erwarten war, kamen die Schalterdamen bei 15 Rill`s ganz schön ins Schwitzen.

Helmut und Gudrun Rill haben uns als Eskorte zum Flughafen begleitet, um behilflich zu sein, die erste schwierige Hürde zu nehmen. Wir sind ihnen dafür sehr dankbar.

Der Wettergott schickte uns das schönste Reisewetter mit Sonnenschein und wolkenlosem Himmel. Der Flug wurde zu einem wahren Genuss mit einem wunderschönen Ausblick über die Alpen, die ungarische Puszta und über die Karpaten bis nach Bukarest.

In Bukarest angekommen, wartete bereits der elegante Bus auf unsere Gruppe und wir starteten die Fahrt über Pitesti, Rm-Vilcea, durchquerten die Südkarpaten durch das Alt-Tal und den Roten Turmpass. Über Cälimänesti und Cäciulata kamen wir zum Kloster Cozia, das wir in einer Fahrpause besichtigen durften.

Es ging weiter über Talmesch und Schellenberg nach Herrmannstadt. Die Fahrgäste waren erstaunt, was sich dem Auge an Neuem bot. Die Randgebiete von Hermannstadt sind mit wohlbekannten Einkaufszentren gesäumt und aufs Erste erweckte es den Eindruck, wir „sind in Deutschland“! Alles ist im Auf- und Umbau, einfach gesagt: Von Bukarest bis Hermannstadt ist eine einzige Baustelle. Der vertraute Anblick will und will sich nicht einstellen. Nach einigen kleinen Hürden, die uns die kreuz und quer geparkten Autos auf allen Straßen bereiteten, sowie ein völlig sinnlos aufgestelltes Straßenschild, das kurzerhand vom Fahrer aus dem Weg geräumt wurde, erreichten wir die Parkstelle in der Fleischergasse hinter unserem gebuchten Hotel, dem „Römischen Kaiser“. Endlich vertraute Umgebung und wir nehmen erleichtert die Zimmerschlüssel entgegen. Nach gemeinsamem Abendbrot und einem kleinen Plausch, finden wir unsere wohlverdiente Nachtruhe.

Der nächste Morgen lässt einen spannenden Tag erahnen und alle steigen pünktlich aus den Betten. Mit gemeinsamem Frühstück gestärkt, wagen wir die Fahrt nach Kleinscheuern. Allein schon die Fahrt durch Neppendorf gibt uns einen Hinweis darauf, dass nichts mehr so sein wird, wie es einmal war. Wie bei der Reise vor vier Jahren, fallen uns die fehlenden Pappeln am Wegesrand auf. Das Feld, so weit das Auge reicht, liegt brach und ist von Industriemüll übersät. Ich denke noch, heut ist Sonntag, da wird wohl keiner arbeiten, doch später erfahren wir, dass dieser Grund und Boden zum Verkauf steht und keiner  das Feld bestellen will. Dabei dachten wir doch, so ein fruchtbarer Boden hat 800 Jahre lang unsere Vorfahren ernähren können.

Die Einfahrt nach Kleinscheuern ist nicht wieder zu erkennen. Alle Häuser wurden einer Veränderung unterzogen, die je nach Geschmack und Geldbeutel unterschiedlich ausgefallen sind. Die Farben, für unseren Geschmack etwas gewagt und grell, haben die Dorfzeile sehr verändert. Ein paar Blicke aus dem Bus in die Innenhöfe verraten, dass hier die Menschen auf ganz andere Sachen Akzente setzen. Die Straße ist stellenweise aufgebuddelt, es heißt, Kleinscheuern bekommt eine Kanalisation.

Wir sind am Ziel! Vor dem Polizeihäuschen hält der Bus und wir steigen aus, um vor dem angekündigten Gottesdienst noch einen Friedhofsbesuch zu machen.

Für einen westlich zu sehr verwöhnten Anblick, erscheint uns der Friedhofsaufgang als ziemlich vernachlässigt, das Gras wuchert gewaltig über dem Pflaster und nur mühsam kommt man voran. Der Friedhof ist eine einzige Wiese mit kniehohem Gras. Spätestens hier spürt man einen Knoten im Hals, der die ersten Tränen in die Augen drückt. Jeder sucht im Stillen die zurückgelassenen Gräber, um einige mitgebrachte Blümchen oder Kerzen abzulegen.

Ich musste feststellen, dass ich vor mehr als 20 Jahren nur das Schönste aus der Heimat mitgenommen habe. Alles was mich bewusst, oder unbewusst gestört hatte, war verdrängt und vergessen. Die paar Bilder, die ich seinerzeit mitnahm, zeugen nur von den schönsten Stellen, die ich in Erinnerung habe. Dabei hat man ja damals, als Kleinscheuern noch von uns bewohnt wurde, den Friedhof  auch nur dreimal im Jahr gemäht. Das Gras musste ja im Garten und auf der Wiese erst für die Maat reifen und mit Sicherheit war es im Mai genau so hoch wie jetzt, doch keiner hat damals daran Anstoß genommen. Man hat, glaube ich, alles mit ganz anderen Augen gesehen.

Wieder zurück zum Kirchgang, treffen wir auf den Bürgermeister, der im Sonntagsgewand ebenfalls am Gottesdienst teilnehmen will. Er begrüßt uns aufs Herzlichste. Desgleichen erwarten uns noch Landsleute, die mit anderer Reisegelegenheit angekommen sind, um am gemeinsamen Gottesdienst teilzunehmen. Selbst aus dem Nachbarort Reußdörfchen sieht man teilweise bekannte Gesichter.

Wir betreten langsam die Kirche und werden mit dem wohlbekannten Orgelklang empfangen. Es ist der Augenblick, wo ich denke: „Hier ist die Zeit stehen geblieben!“ Es ist die Geborgenheit die uns in ihren Bann zieht. Endlich spüre ich, hier ist die Heimat, der Ort wo alles begann.

Hier bin ich viele Stunden meiner Kindheit und Jugendzeit gesessen und habe der Predigt gelauscht, habe in der Jugend auch mitsingen und vielmals den Raum mit Blumen schmücken dürfen. Wird diese Wahrnehmung sich auch in den Gedanken der Anwesenden einschmeicheln? Ich kann es nur erahnen.

Pfarrer Galter aus Hermannstadt begrüßt uns in deutscher und rumänischer Sprache. Wir erleben einen Gottesdienst nach wohlbekannter siebenbürgischer Weise und der Kirchenchor singt bekannte Lieder aus längst vergangener Zeit.

Eine Stunde der Besinnung und Andacht geht zu Ende, wohl eine der wichtigsten unserer Reise. Beim Ausgang treffen wir auf bekannte rumänische Landsleute und freuen uns, dass man uns so freundlich begrüßt. Einige besuchen „Haus Nazareth“ - eine Therapieeinrichtung für suchtkranke Menschen - im alten Pfarrhaus und werden hier freundlich von Dr. Lux empfangen, der diese wichtige Einrichtung in Rumänien erklärt und vorstellt. Auch die Umbauten und Neugestaltungen in der Schule werden uns vom Bürgermeister Marcu Mircea und der Schulrektorin mit Stolz vorgestellt. Ich nehme mit Erstaunen war, der Geruch in den Klassenzimmern ist derselbe wie vor 40 Jahren, es gibt eben Dinge, die sich nie ändern. Wir wollen noch einen kleinen Besuch im „Konsum“ machen und wundern uns, dass es geöffnet hat. Ein Blick auf die angebotene Ware lässt uns erahnen, dass auch hier der Westen Einzug gehalten hat; Fruchtsäfte im Kühlschrank, ausländische Alkoholgetränke in den Regalen: Für uns ein ungewohnter Anblick.

Anschließend fahren wir nach Salzburg (Ocna Sibiului) zu einem gemeinsamen Mittagessen im neu restaurierten Kurhausrestaurant. Die Polizei aus Kleinscheuern lässt es sich nicht nehmen, unseren Bus mit Blaulicht und Sirene zu begleiten.

Am Ende der Salzgasse erkennen wir von Weitem, dass ein neues Baugebiet erschlossen wurde und bereits einige neue Häuser im Rohbau entstehen. Hinter den Wiesen bis hin zur Bahnlinie erstreckt sich eine riesige Industrielandschaft. Man kann nur staunen.

In Salzburg werden wir erneut überrascht. Der Kurort erstrahlt in neuem Glanz. Das Kurhausrestaurant ist erstaunlich sauber und schön hergerichtet. Es wird an runden, weiß gedeckten Tischen ein Mittagessen serviert und anschließend kehren wir nach Kleinscheuern zurück, wo jeder nach Lust und Laune Bekannte besuchen und durch die Gemeinde spazieren konnte.

Die Zeit ist im Nu vorbei und um 19 Uhr nehmen wir Abschied von Kleinscheuern und kehren zum Hotel zurück.

Für den Montag war gedacht, jedem Reiseteilnehmer Freizeit zu geben, um sich den Tag selber zu gestalten, Einkäufe zu machen, Spazieren zu gehen oder alte Bekannte zu treffen.

Der nächste Tag ist der 1. Mai. Nach gemeinsamem Frühstück ist ein Besuch in Heltau geplant. Die Kirche und die Wehranlagen sind in einem gut erhaltenen Zustand, wir werden von Herrn Dechant Dr. Stefan Cosoroabä persönlich begrüßt. Eine junge Dame übernimmt die Führung. Beachtlich ist, dass alles liebevoll gepflegt wird, denn in Heltau leben noch 400 Siebenbürger Sachsen.

In der Kirche, begleitet von Orgelmusik, singen wir das Lied „Ein` feste Burg ist unser Gott“. Der original Heltauer Altar steht jetzt auf der Empore. An seiner Stelle steht ein Altar aus der Kirche einer verlassenen Gemeinde. Auch wenn er historisch wertvoller ist, frage ich mich, ob die gebürtigen Heltauer das wohl gut finden.

Unsere Tagesausfahrt geht weiter nach Michelsberg und zur Kirche oben am Berg. Von hier aus genießen wir eine wunderschöne Aussicht auf Michelsberg und Heltau.

Für den Nachmittag ist geplant, den Maifeiertag nach ehemaliger Art im Jungen Wald in Hermannstadt zu feiern. Die Reisegruppe war sich nicht einig, ob man das dort neu eingerichtete Dorfmuseum besucht, oder einfach eine Gaststätte am altbekannten Fischteich suchen soll. Viele entschieden sich für die vertrauten Plätze. Nach kurzem Marsch durch den Wald, erreichen wir unser gesuchtes Ziel, doch hier ist alles verändert: Das vertraute Restaurant ist im Umbau, auch sonst ist alles etwas verwüstet. Wir finden trotzdem eine  Gaststätte mit Terrasse, auf der wir köstliche „Mici“ essen und ein wohlverdientes Bier dazu trinken können.

Frisch gestärkt unternehmen wir einen Spaziergang zum Fischteich. Nachdem der Bus erst 17 Uhr zur Abholung bereit steht, entscheidet man sich, mit Taxis zurück zum Hotel zu fahren.

Am darauf folgenden Morgen geht die Fahrt weiter in Richtung Kronstadt. Die Straße ist im Bau und wir müssen über 30 Ampeln passieren, aber unser tüchtiger Busfahrer bringt uns geschickt über alle Hürden. Der erste Abstecher, eine Tankstelle, dient zu einem Umtrunk, der uns von spendierfreudigen Jubilaren mehrmals auf dieser Reise gewährt wird.

Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Törzburg, vorher jedoch gesellt sich in Zeiden (Codlea) unser Reiseleiter Horst Schuller zu unserer Gruppe. Das Wetter ist etwas kühl und windig. Wir sind nahe den Bergen und der kurze Aufstieg kostet einige Überwindung. Nach der Besichtigung der wohl als Draculaschloß bekannten Festung, geht es weiter nach Kronstadt. Zuerst besichtigen wir die Schwarze Kirche. Hier erfahren wir sehr genaue Details über dieses mächtige Bollwerk der Christenheit, das der Jungfrau Maria geweiht wurde und der bedeutendste gotische Hallenbau Südosteuropas zwischen Wien und Konstantinopel ist. Dass es eine ursprüngliche katholische Kirche war, kann man sogar an den äußeren Chorsäulen erkennen, die mit Statuen der Apostel oder der Mutter Gottes mit gekröntem Haupt geschmückt sind. Der Blick der Mutter Gottes ist auf den alten Rathausplatz gerichtet, ein Zeichen, dass die Stadt im Einvernehmen mit den Ansichten der Kirche regiert wurde.

Was die Stadt sonst noch für besondere Sehenswürdigkeiten birgt, erfahren wir bei einem Rundgang durch das Zentrum, nachdem wir uns in einem tollen Hotel erfrischen konnten. Unser Reiseleiter Horst Schuller, gebürtig aus dem Kokelgebiet, war wirklich bestrebt, uns in einer Kurzfassung sehr viel von der Geschichte dieser Stadt zu vermitteln. Sie liegt nicht nur idyllisch in den Bergen, sondern zeugt auch von einer wohlhabenden Vergangenheit, in der Handwerk und Kunst geblüht haben und eine lebendige Kultur die Menschen zusammengehalten hat.

Nach dem Rundgang hatten wir etwas Zeit, um uns für einen lang erwarteten Besuch bei der „Stina Turisticä“ auf der Schullerau vorzubereiten. Mit dem Bus fahren wir den Berg hinauf. Kathi Lutsch brachte uns mit einigen witzigen sächsischen Bemerkungen und Übersetzungen ganz schön in Stimmung.

Vor Ort wurden wir mit einem Lagerfeuer, einem kleinen Imbiss und Zigeunermusik bereits erwartet. Es ist schon Abenddämmerung und ein herrlicher Ausblick von der Hochalm erfreut unser Auge. Die Hütte mit kunstvollem Dach und geschmackvollem Holzbau ist wunderbar in die Landschaft eingepflegt. Der Empfangsraum ist geschmückt mit einer für Schäfer wohl sehr gefürchteten Jagdszene. Drei Wölfe reißen bestialisch ein Schaf. Die Trophäen sind sehr naturgetreu gestaltet und von einer Theke umgeben, an der schwer gezimmerte Holzhocker aus großen Baumstämmen, mit Schaffell überzogen zum gemütlichen Zusammensitzen einladen.
 

Wir werden in den großen Gastraum gebeten. Große Holztische mit fellbezogenen Bänken sind für uns schon hergerichtet. Meine Augen schweifen über die kunstvoll dekorierte Decke an der zahlreiche Krüge, Schafsfelle, Kräutergebinde und Gegenstände des Schäfereihandwerks hängen.

Sauber gedeckte Tische mit hervorragenden Köstlichkeiten, laden zum deftigen Abendbrot ein. Frischgebackene Brotlaibe werden aufgeschnitten und das dargebotene Mal ist ein wahrer Gaumenschmaus. Die Zigeunerkapelle gibt ihr Können zum Besten und gestärkt von Speis und Trank, wird herzlich mit eingestimmt.

Man erinnert sich an altbekannte rumänische und deutsche Texte und alle versuchen mitzusingen. Singen und Feiern wird von unserem Reiseleiter am meisten vermisst, seit der Auswanderung der Siebenbürger Sachsen. Die Stimmung hatte längst ihren Höhepunkt erreicht, als nach Mitternacht wieder zum Aufbruch gemahnt wurde. Diesmal wurde es eine kurze Nacht, die allerdings jeder überraschend gut überstanden hat. Noch etwas träge, aber mit guter Stimmung, begeben wir uns in die Berge. Unser Ziel ist Sinaia, mit der Besichtigung von Schloss Peles.

Unser Reiseleiter erklärte auf der Hinfahrt, dass der König, der sein Jagdschloss hier in den Bergen erbauen lies, sich von einer Reise im Orient inspirieren ließ und dann nach dem Berg Sinai, diesem Ort den Namen „Sinaia“ gegeben hat. Ein kleiner Fußmarsch legt uns die Sicht auf dieses Juwel in den Bergen am Fuße des östlichen Bucegi-Gebirges im Prahovatal frei.

Bei der Besichtigung musste ich feststellen, dass ich so schöne Holzschnitzkunst in geballter Konzentration noch nirgends gesehen habe, die mit so viel Liebe zum Detail ausgearbeitet war, dass ich vor Andacht und Staunen sprachlos war. Auch die beeindruckende Waffensammlung, die zu Lebzeiten des Königs einmalig in Europa gewesen sein soll, wird besichtigt. Die Außenanlagen und die Außenansicht geben dem Schloss einen ganz besonderen Reiz, denn das Obergeschoß ist nach alter Balkenbaukunst geschmackvoll der Villenbauweise in dieser Region nachempfunden, während das Erdgeschoß, aus Stein und Marmor gebaut, in traditioneller Baukunst der deutschen Schlösser gehalten ist.

Da der Erbauer ein Nachkomme des Adelsgeschlechts von Hohenzollern war, hat er in der Bibliothek des Schlosses Ansichten in Glasmalerei von weiteren Schlössern der Hohenzollern malen lassen. Ein letztes Bild an der Steintreppe mit den Löwenstatuen und mit Blick auf die kunstvolle, schmiedeeiserne Laterne im Kasten, wandern wir zurück zum Bus. Mit so viel Eindrücken von diesem schönen Ort geht die Reise weiter in Richtung Bukarest.

Im Bus war immer etwas los. Es wurde gesungen und erzählt; Langeweile war für uns ein Fremdwort. Die gute Stimmung ist nicht zuletzt auch manch einem Gläschen Schnaps oder Wein zu verdanken, das immer wieder die Runde machte.

Mittlerweile an die ewigen Baustellen gewöhnt, fällt uns die Einfahrt nach Bukarest nicht mehr so negativ auf, wie bei der Ausfahrt vom Flughafen nach Hermannstadt. Jetzt erleben wir eine vom Berufsverkehr belastete Innenstadt, die uns an bekannte Blechlawinen erinnert. Uns fallen die vielen Stromkabel entlang der Straßen auf, es muss für einen Elektriker eine Horrorvision darstellen, beim Gedanken, dass hier ein Blitz in den Kabelsalat einschlagen könnte. Elektrosmog ist hier ein Fremdwort.

Auch konnten wir feststellen, dass man alte Bauruinen geschickt mit westlichen Werbeschildern tarnen kann, die überall an den Gebäuden, an den Fabriken und Straßenpfeilern prangern. Wir erreichten unser Hotel im Stadtzentrum von Bukarest, bezogen unsere Zimmer, machten uns kurz frisch und folgten unserem Reiseführer auf einem Rundgang durch das alte Stadtzentrum von Bukarest. Nach gemeinsamem Abendbrot im Hotel konnte sich jeder selbständig den Abend gestalten.

Beim Einschalten des Fernsehers stoße ich auf einen deutschen Sender, TVR1, der von Bukarest ausgestrahlt wird. Es ist ein großer Zufall, der uns sogar an einen Scherz mit versteckter Kamera denken lässt, denn um halb fünf am Nachmittag berichtet eine Dame namens Christel Ungar von der bekannten Malerin Juliane Fabrizius-Dancu, die in meiner Jugendzeit einmal nach Kleinscheuern kam, um siebenbürgische Trachten zu malen und wir seinerzeit das Glück hatten, dass sie in unserem Hause zu Gast war. Natürlich sind wir ihr auch Modell gestanden. Da sie ihre Kunst stets mit Fotos und Filmmaterial dokumentierte, ist ein Film erhalten geblieben, den jetzt Frau Ungar, die den künstlerischen Nachlass von Frau Fabrizius verwaltet, vorstellt. Der Film berichtet von dem Aufenthalt der Malerin in unserem Elternhaus und ich bin zu Tränen gerührt, als ich das „Sächsische Zimmer“ meiner Mutter und Details von Haus und Hof in Farbe wieder sehen darf. Ich dachte, dass jeden Augenblick jemand zur Tür hereinkommt und mich auf den Arm nimmt. Doch nein, es war wirklich wahr. Hans Liebhard, der vor vielen Jahren auch in der deutschen Sendung aufgetreten ist, berichtete weiter von dem Erfolg, den die Künstlerin im Ausland erfahren durfte; Zeit ihres Lebens konnte sie nicht alle ihre Werke veröffentlichen.

Freitag, 10 Uhr morgens, besichtigen wir den Parlaments-Palast; er ist der Ausdruck des Größenwahns des ehemaligen Staatsführers Ceausescu.

Beim Einbiegen des Busses in die Große Allee, die einen Meter länger als die Champs Elysées in Paris sein soll, umrandet von riesigen Springbrunnen und mächtigen Gebäuden, erblickt man dieses überragende Bollwerk. Auf einem Hang erbaut, überragt es bei Weitem alles, was das Auge sehen kann. Der Hang dient als Tribüne, die zur Stadtmitte gerichtet ist und vermutlich zur Abnahme der Paraden dienen sollte. Der Bau zeigt denselben Anblick nach vier Seiten. Es sind 265.000m² bebaute Fläche. Die Höhe des Bauwerks über der Erdoberfläche (ca. 84m), soll sich identisch unter der Erdoberfläche fortsetzen. Für uns nicht vorstellbar. Das gesamte Baumaterial wurde aus dem Land zur Verfügung gestellt, einziger Import war Mahagoniholz, für die Eingangstüren in den Festsaal.
Schon beim Betreten des ersten Raumes erhalten wir einen Eindruck über die Dimensionen, die hier dominieren. Alles ist überwältigend und unvorstellbar. Der Baustil ist einzigartig, ich nenne es eine Kreuzung aus Barock mit Gigantismus. Dazu kommen, die für die Ewigkeit gedachten, mit Marmor verkleideten Fresken und Säulen, die man so nirgends auf der Welt beobachten kann. Die Böden sind in mehrfarbigen Marmor-Intarsien (genauer: Inkrustationen) verlegt und spiegelblank poliert. Die Fenster in Rundbogenform erreichen eine Höhe von schätzungsweise 10-15 Meter und sind von Vorhängen aus Samt mit Stickerei versehen. Ein Vorhang soll etwa 250 Kilogramm wiegen. Beeindruckend sind die Deckenstuckaturen in den überbauten Räumen und die Fensterdecken, die in Messingschmiedekunst gefestigt sind. Es sind etwa 1800 Stück.

Kristallleuchter sind in allen Formen zu bewundern, davon der größte im Konzertsaal mit 5 Tonnen Gewicht. Insgesamt sind 3500 Tonnen Kristallglas aus Mediasch für die Leuchter verarbeitet worden. Vielerorts sind riesige Teppiche ausgelegt, die, meist in rot gehalten, den weißen Marmor abdecken.

Der ganze Palast ist wohl die Phantasie eines zum Wahnsinn tendierenden überheblichen Paares, das die Realität längst verloren hatte. Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass fertige Wände oder Treppen wieder zerstört werden mussten, um erneut seinem Geschmack, der sich über Nacht geändert hatte, anzupassen. Die Architekten waren bestimmt nicht zu beneiden.

In seinem Drang nach Unerreichbarkeit hat der Diktator auf Kleinigkeiten wie Klimaanlagen oder sonstige gemütliche Details keinen Gedanken verschwendet, so dass an der Außenfassade die kleinen Klimageräte den Anblick bereits trüben.

Der Bau wurde 1984 begonnen. Heute ist es kaum zu glauben, dass dieses Monster-Projekt in nur 5 Jahren, bis zum Sturz des Diktators 1989, vollendet wurde. Obwohl dieser Palast mit Sicherheit eine Touristenattraktion darstellt, kann man nicht sagen, ob die Kosten von 3,3 Milliarden Dollar jemals durch Besucher wieder eingebracht werden können.

Doch für uns ein Erlebnis der Sonderklasse, der Besuch dieses Gebäudes, das das zweitgrößte der Welt ist, nach dem Gebäude des amerikanischen Verteidigungsministeriums, dem Pentagon, rundet unseren Ausflug nach Rumänien mit besonderer Note ab. Mit der Stadtrundfahrt, die von unserem Busfahrer sehr meisterhaft und geschickt durchgeführt wurde, bekommen wir Gelegenheit, auch einen Blick in die früher verkehrsverbotene Zone des privaten Wohnungsbereichs der Ceausescus am Floreasca See zu werfen. Zurück im Hotel konnte jeder nach gemeinsamem Abendessen noch Einkäufe erledigen oder sonstige Privatbesichtigungen tätigen. Wir machten uns auf den Weg zu einer ehemaligen Studentenkneipe und sind begeistert von dem Bierkeller, der auf drei Ebenen Gastraum bietet. Eine alte, sehr beeindruckende Innendekoration lässt einen verstehen, warum die Studenten sich auch heute noch hier so gemütlich fühlen. Mit dezenter Live-Musik kann man sich hier sehr vertraut unterhalten und vielleicht den Lernstress bei einem kühlen Bier vergessen. Auch wir fühlen uns wohl und bei einem kleinen Gläschen erzählen wir noch bis in die Nacht hinein.

Der nächste Morgen ist schneller da, als man möchte. Für heute ist die Heimreise geplant. Pünktlich holt uns der Bus ab, um uns zum Flughafen zu bringen, aber für ein Mittagessen auf der Terrasse des „Pescarusul“-Restaurants, an dem großen Herestrau See, haben wir noch genügend Zeit.

Es heißt Abschiednehmen und unser Reiseleiter Horst Schuller sieht uns erleichtert, aber mit traurigen Augen hinterher. Ohne weitere Komplikationen treten wir mit dem Flugzeug die Heimreise an. Leider ist der Rückflug nicht so schön, weil eine riesige Wolkendecke ganz Mitteleuropa überzogen hatte und wir die Berge nicht mehr sehen konnten.

Doch dafür gab es die schönste Wolkenlandschaft zu bewundern, der Flug musste sogar um einige Minuten verlängert werden, weil der Münchener Flughafen wegen Regen und aufsteigenden Böen nicht freigegeben war. Der Pilot umflog geschickt die Wetterfront und brachte uns ohne Turbulenzen sicher auf festen Boden zurück.

In München lief, wie gewohnt, alles perfekt. Wir verabschiedeten uns von unseren österreichischen Reiseteilnehmern und 29 Minuten nach der Landung saßen wir bereits mit verstautem Gepäck im Bus auf der Heimfahrt nach Heidenheim. Auch hier wird noch gesungen und gelacht. Unser Vorsitzender lässt sich seufzend in den Sessel sinken; erst jetzt, auf der letzten Strecke, kann er die Anspannung der letzten Tage abbauen. Ich glaube, hiermit im Namen aller Mitreisenden, einen herzlichen Dank unserem HOG-Vorsitzenden Stefan Schuster, seiner Frau Inge, sowie Katharina und Martin Lutsch aussprechen zu dürfen, für die gut geplante und sichere Leitung dieser Reise, aber auch für die Geduld und Nachsicht mit uns allen. Es war eine einmalige und sehr gelungene Reise; die vielen Eindrücke werden wir mit Sicherheit nicht so schnell vergessen.

Maria und Michael Rill -  Steinheim



Zurück


Neuigkeiten

Wir stellen Ihnen ein neues Fotobuch vor.

Auf 98 Seiten können Sie, Kleinscheuerner Jahrgangsbilder (Klassenbilder aus der Schulzeit)

Details

Filme

Suche alte Filme (50ger, 60ger, 70ger Jahre) über  Kleinscheuern (Super 8, Video oder DVD)

Details